Die Sache mit der Integration..

Wenn VIELE weniger werden…oder wie aus 1000 Persönlichkeiten 50 werden..

 

Ich bin VIELE, dass wissen die meisten, die diesen Blog lesen bereits. Also kein Geheimnis.

Nur wie VIELE? Und warum genauso so VIELE?

Wieso bin ich das überhaupt? Und was hat ein Baum damit zu tun?

Diese Fragen werde ich heute beantworten. Also ein wenig aus meinem inneren Nähkästchen plaudern.

 

Beginnen wir mit der Frage: Warum wird man VIELE? Reicht es nicht aus EINER zu sein?

 

Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Ich werde versuchen euch einen völlig unwissenschaftlichen kurzen Überblick zu verschaffen, der keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit hat. Wer mehr wissen möchte, kann gern ein Buch von Michaela Huber lesen.

VIELE wird man weil einer allein es nicht aushalten kann. Nicht weil ihm langweilig ist, oder weil man verrückt ist. Sondern schlicht weil es zu grausam ist.

Wenn ein Baby zu schlimm gequält wird, dann kann sich ein Teil abspalten. So wird aus eins zwei. Wenn dann weiter gequält wird, dann werden aus 2, 3…usw.……Manchmal geschieht dies zufällig, weil der Vater ein Schläger ist, die Mutter das Kind vernachlässigt usw. .. Und in anderen Fällen wird dies ganz bewusst von den Erziehungsberechtigten „hergestellt“. Das Kind durchläuft so eine Art Training in dem die verschiedensten Foltermethoden angewandt werden und so ganz geplant mehrere Persönlichkeiten zu unterschiedlichen Zwecken abgespalten werden. Die Täter entwickeln hier tatsächlich einen bizarren Plan diesen kleinen Menschen immer mehr auseinander zu brechen. (Hier sind euerer Phantasien keine Grenzen gesetzt…wer mag: Alison Miller hat gut recherchiert und zwei wertvolle Bücher veröffentlicht).

Wenn sich nun also die Erziehungsberechtigten überlegen, entgegen jeder menschlichen Natur, ihr Kind geplant in viele Persönlichkeiten zu zerstückeln in dem sie es hungern lassen, foltern, schlagen, vergewaltigen …und und und…Dies nach Plan täglich wiederholen und perfektionieren, dann werden aus VIELEN immer mehr…und mehr. Eigentlich jedes Mal, wenn das Kind es nicht mehr aushalten kann vor Schmerz, Angst, Scham, Einsamkeit dann kommt ein neuer Anteil, der es wieder ein bisschen länger aushalten kann…wenn jemand dann 1000 Persönlichkeiten hat, dann kann es sein, dass er oder sie 1000-mal etwas unaushaltbares erlebt hat.

 

Also merke: VIELE sein ist keine Krankheit, sondern eine Notwendigkeit um zu ÜBERLEBEN!

 

So ist das auch bei mir gewesen. Ich bin durch mein Leben gelaufen und habe äußerlich super funktioniert. Das in meinem Inneren mehr als 1000 Persönlichkeiten sind bemerkte niemand. Sollte ja auch nicht. Irgendwann entschied ich zu fliehen. Denn ich wusste, wenn ich bleibe, werde ich nie glücklich geschweige denn Frei sein, oder evtl. auch einfach sterben. Nicht dass ich Angst vor dem Tod habe (dieser ist mir zu oft begegnet), aber ich dachte einfach schon damals: Das Leben muss doch mehr zu bieten haben. Andere Menschen besitzen Freunde, Beziehungen, Freiheit und leben glücklich vor sich hin. Das wollte ich auch.

Dies bedeutete aber:

  1. Geh und dreh dich nie wieder um!
  2. Breche jeden Kontakt zu früher ab!
  3. Kehr nie wieder zurück
  4. Bleib erstmal nicht zu lang irgendwo (fliehen heißt in Bewegung bleiben…)

Manche denken jetzt vielleicht, dass klingt wie aus einem schlechten Film. Ja stimmt. Tut es. Aber leider ist es die Wahrheit. Für die Menschen die ein Kind gezielt dazu bringen VIELE zu sein, ist diese viel wert. Es ist wie in einer Sekte. Man lässt dich nicht einfach gehen. Du weißt Zuviel, kennst Zuviel.

Aber wenn ich leben wollte musste ich gehen. Und das tat ich also.

Eines Tages setzte ich mich einfach in eine Bahn, die zufällig auf dem Gleis einfuhr an dem ich stand in eine beliebige Richtung. Ich landete in einer Großstadt…nach nur wenigen Tagen fuhr ich genauso spontan und ungeplant in die nächste Stadt. Mein Handy hatte ich am Bahnhof in einen Mülleimer geworfen, zusammen mit meinen Papieren.

Ich hatte weder Geld, noch ein Ziel. Dies blieb einige Monate so, bis ich mich dazu entschloss an den Orten an denen ich war zumindest eine Wohnung zu nehmen. Für Anne war dies die schwerste Zeit. Wenn sie morgens aufwachte war sie in einer anderen Stadt, hatte einen anderen Job. Wir konnten damals noch nicht so gut kommunizieren und ich habe einfach die notwendigen Infos auf einen Zettel geschrieben. „Du wohnst jetzt in Frankfurt und arbeitest als Küchenhilfe bei Mc Donnalds“-oder – „Heute ist Donnerstag, du bist in München und arbeitest in Kindergarten XY als Erzieherin“. Dies erfordert schon ein gewisses Maß an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.

Nach einigen Jahren waren wir uns jedoch sicher, dass sich niemand mehr für uns interessiert. Wie fast alle Wesen, sind auch Täter faul. Wenn etwas zu kompliziert wird, lässt man es sein. Und solange wir nichts verraten – Namen, Orte usw. (Was ich NIE tun würde), kann man uns beruhigt gehen lassen.

So sind wir etwas ruhiger geworden. Haben uns getraut länger zu bleiben…Freundschaften zu schließen und Beziehungen zu leben.

Dies war zu Beginn gar nicht so einfach…aber mit der Zeit auch immer leichter.

Und vor einigen Jahren landete ich so in Hannover.

Ich habe hier Wurzeln geschlagen. Und mich irgendwann sicher gefühlt.

Das Leben im äußeren war also gut so wie es war. OK, natürlich könnte ich mehr verdienen oder das Wetter könnte besser sein…aber genau diese Probleme wollte ich schon immer mal haben!! Welch ein Glück!

So nun konnte ich mich also endlich meinem Inneren zu wenden. Vor 9 Monaten entschloss ich mich also dazu alles zu ändern und auch innerlich alles hinter mich zu lassen.

Denn wer den Schritt geschafft hat sich äußerlich zu entfernen, ist noch lange nicht innerlich gegangen. Jeder kennt das, eigentlich ist man schon erwachsen…aber wenn die Eltern zu Besuch erscheinen bist du plötzlich 12 und unselbständig. Wenn der Chef dich unfreundlich anfährt, wehrst du dich nicht, sondern fühlst dich ganz klein oder du antwortest zu pampig. Dies sind alles Verhaltensweisen, die wir in der Vergangenheit gelernt haben. Nicht immer hilfreich, aber da.

 

Wenn man VIELE ist, dann gibt es eine Menge solcher Verhaltensweisen. Und es gibt Trigger (Auslöser die an frühere, oft grausame Dinge erinnern lassen – auf jeder Ebene: Manchmal ein Bild, ein Duft, ein Gefühl…) Trigger begegnen einen überall, wie ein alter Freund sind sie ständig da und erinnern dich daran was gewesen ist, was du lieber vergessen würdest.

Du sitzt im Café, ein Lied läuft bei dem vor 30 Jahren etwas Traumatisches geschehen ist…für die anderen ein Oldie für dich: Trigger- du bist nicht mehr 40 sondern sitzt 10 Jahre alt an dem gruseligen Ort des Geschehens…Es können Düfte sein, Stimmen, Wortkombinationen, Bekleidung…einfach alles ist möglich.

Wenn jemand 1 traumatische Situation erlebt hat, dann hat er Trigger aus der einen Situation, bei 1000 Situationen multipliziert sich das ins unendliche.

Also wenn ihr mal jemanden seht, der wie angewurzelt, panisch irgendwo rumsteht oder ohne Grund weint und wegläuft denkt mal daran, dass der Mensch vielleicht nicht verrückt ist, sondern einfach getriggert.

Neben Trigger gibt es noch Flashbacks (Wiedererinnerungen) und andere unschöne Dinge…Dies wollten wir also ändern!

Natürlich hätte ich jetzt damit leben können so viele zu sein. Wollte ich aber nicht. Denn es ist nicht praktikabel. Und es hält fest. Fest an dem was früher war. Es lässt mich so sein, wie die Täter das wollten. lässt mich hilflos bleiben und kraftlos. Ein weiterer Grund ist natürlich auch meine Beziehung, die Frau die ich Liebe. Wenn ich jemals mit ihr wirklich glücklich sein möchte, dann muss ich dafür kämpfen.

Also hat Anne entschieden das zu ändern. Ihr ging der ganze Lärm im Kopf gewaltig auf die Nerven. Da gab es kleine Anteile die ständig weinten, andere die verzweifelt schrien, wieder andere plapperten oder sangen. Stellt euch bitte mal vor, ihr habt den ganzen Tag den Sound eines Horrorfilms im Kopf und dazwischen läuft Biene Maya. Wenn du dann nicht verrückt wirst, bist du echt gut!!

Ich habe viele Bücher über Trauma und DIS (Dissoziative Identitätsstörung) gelesen. In einigen stand, es gibt die Möglichkeit zu integrieren. Aber wie?

Wie wird man weniger? Wie soll das gehen?

Ich glaube hier ist es wie bei fast allem im Leben: Du musst es wollen.

Klingt einfach, ist es aber nicht. Ich hätte das nie geschafft.

Anne schon. Sie hat sich dazu entschlossen die Erinnerungen der anderen zu tragen.

Eines Tages vor ca. 4 Monaten hat sie plötzlich in dem inneren Land einen Baum entstehen lassen. Er ist grün und steht leicht erhöht auf einem Hügel, seine große blättrige Krone wiegt sich langsam im Wind. Daraufhin hat sie die Nachricht nach Innen gegeben: Wer will, kann in den Baum gehen.

 

Es ist wahrscheinlich nicht leicht nachzuvollziehen.  Da aber alles in unserem Kopf Imagination ist, kann ich mir vorstellen was ich will. Wir sind die Hüter unserer Gedanken. Wenn ich negativ denke, dann bin ich negativ.

Anne ist Meisterin in positiven Denken. Wenn sie einen Alptraum hat, dann denkt sie sich einfach ein anderes, lustiges Ende aus. Wenn sie einen Flashback hat, dann lässt sie rosa Blüten regenen und denkt an die Alpen. Trigger und Flashbacks sind auch nur Gedanken und Gefühle. In meinem Kopf bestimme ich was ich denken will. So einfach und doch so unendlich schwer.

Der Aufforderung in den Baum zu gehen folgten jeden Tag 10 Persönlichkeiten (dieses Limit hatte Anne gestellt um den Kopf nicht zu überfordern) Der Anteil näherte sich dem Baum und umarmte ihn, oder setzte sich einfach unter die Krone an den Stamm gelehnt die Augen geschlossen. Nach einigen Minuten war es als würde er blasser und blasser bis die Persönlichkeit plötzlich verschwunden war. Am Baum hingegen entstand eine neue Blüte, ein neuer Ast oder ein Vogel der in den Wipfel saß. Während aus dem grünen Baum also ein buntes Biotop aus Lebendigkeit wurde, schwand der Lärm im Land. Es wurde leiser. Die Säuglings- Anteile legten wir vorsichtig in Wiegen die an die Äste des Baumes geknotet wurden, so dass auch diese allein entscheiden konnten zu bleiben oder zu gehen. Dies war eine der wenigen Regeln. Niemand wird gezwungen, jeder darf frei und ohne druck entscheiden zu bleiben.

Anne ist fest davon überzeugt, dass in jedem von uns eine große Selbstheilungskraft liegt.

Blöd an der Sache ist nur, dass die Erinnerungen und Verhaltensweisen der einzelnen Persönlichkeiten auf Anne übergingen. Sie war zuvor ziemlich amnestisch für einen Großteil des Lebens. Plötzlich war die aus ihrer Sicht zwar vernachlässigende aber eigentlich ganz nette Mutter als Monster entlarvt. Nichts war mehr so wie sie es erinnerte. Aber dafür war es endlich ein ganzes.

Auch die Gefühle waren nun für sie spürbar. Aber nicht ein einziges Mal schaute sie weg. Dissoziation entsteht, weil es nicht auszuhalten ist.

Anne sagte sich:

  1. Ich habe es schonmal ausgehalten (Theorie ich bin zwar VIELE, aber mein Kopf ist EINS)
  2. Mein Kopf macht nur was ich auch aushalten kann
  3. Wenn ich wegschaue bleibt es wie es ist. Ich kann es nur ändern, wenn ich hinschaue!

Und sie schaute hin. Sie erinnerte sich an die Grausamkeiten, sie weinte und schrie. Sie tobte und wurde depressiv und hielt weiter aus. Jeden Tag 10 neue Erinnerungen, 10 neue Grausamkeiten aber auch 10 x neues Wissen über sich selbst, 10-mal mehr wieder etwas einheitliches und 10-mal mehr heile. Und während der ganzen Zeit war Dorie an meiner Seite. Sie gab uns Halt und Licht und damit jeden Tag erneut den Grund dafür weiter zu kämpfen.

Als ich anfing den Block zu schreiben, waren wir 250…heute sind wir 50.

An alle die auch VIELE sind:
Gebt nicht auf! Es lohnt sich zu kämpfen! Geht weg von den Tätern und findet euer eigenes Leben im inneren wie im Äußeren! Es ist euer Kopf und es sind euere Gedanken!! Ihr müsst in euch zusammenhalten dann wird das Leben bunt und schön. Es lohnt sich.

 

Gerade sitze ich beim Bäcker Going auf der Limmerstr. Eine Träne läuft leise meine Wange herunter und mein Deo versagt. Dieser Text war nicht leicht. Aber der Latte schmeckt so lecker, mein Hund schnarcht leise vor sich hin während mir die Bäckereifachverkäuferin zulächelt. Draußen sehe ich die Tauben Krümel aufpicken. Nachher gehe ich shoppen mit der Frau die ich liebe. Es hat sich gelohnt zu kämpfen!

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